Gedichte zum 3. Advent

Christabend

Wie die hellen Lichter scheinen!
Und die Kinder sind gekommen,
All die großen, all die kleinen,
Haben ihr Geschenk genommen.

Spielwerk bringt es uns zum Spielen,
Das geliebte Wunderkind.
Spielen mögen wir und fühlen,
Dass wir wieder Kinder sind.

Süße Früchte fremde Blüten
Trägt es in der zarten Hand,
Wie sie Engel ziehn und hüten
In dem sel’gen Himmelsland.

Und so hat es tausend Gaben
Allen Menschen mitgebracht,
Alle Herzen zu erlaben
In der hochgelobten Nacht.

Auch Versöhnung, ew’ges Leben,
Trost und Freiheit, Gnadenfüll’,
Gottes Wort, umsonst gegeben
Jedem, welcher hören will.

Nimmer kann ich euch vergessen,
All ihr schönen Christgeschenke!
Abgrund, reich und unermessen,
Drein ich liebend mich versenke.

Max von Schenkendorf 1783 – 1817

Christabends Neige

Die laute Lust verhallte nach und nach,
Am Bäumchen brannten tief die Kerzchen nieder,
Es füllt ein sanfter Schimmer das Gemach
Wie Widerschein von leuchtendem Gefieder;
Ein Hauch von Tannenharz und Kerzenduft
Durchzittert weihrauchgleich die stille Luft,
Und wie die Lichter mehr und mehr verglimmen,
Erwachen in der Brust die Sabbatstimmen.

Da tönt so süß die alte, hehre Weise,
Die frohe Botschaft in das Erdenleben:
“Uns ist ein Kind geboren”, haucht es leise,
Und wiederhallt’s: “Ein Sohn ist uns gegeben!”
Weltaltes Hoffen . . . ferner Urzeit Hort . . .
Prophetenstimm’ und Patriarchenwort
Lebt auf im Herzen, deiner eingedenk,
Du, heil’ger Christnacht selig Weihgeschenk.

Und holde Bilder, die im Hintergrund
Bescheiden harrten, bis der Jubel währte -
Sie tun sich wunderhell der Seele kund,
Die aus dem Jubel in die Stille kehrte.
Blick auf, mein Herz: im Sphärenlauf erklingt
Nur eine Nacht, die solche Bilder bringt:
Das erste grüßt so schlicht: da lächelt lind
In nied’rem Stall ein neugebornen Kind.

Doch ringsum Wunderpracht! . . . ein neuer Stern
Flammt hoch im Blau . . . her wallt der Zug der Weisen . . .
Um Herd’ und Hirten schwebt der Glanz des Herrn,
Und Engelscharen nahn mit sel’gem Preisen . . .
O Gruß und Lied und Huld’gung dargebracht -
O süß Geheimnis der geweihten Nacht:
Ein hilflos Kind in armer Kripp’ Umhegung,
Und draußen Erd’ und Himmel in Bewegung. -

“Mein Christbaum steht in Dämmerung gehüllt,
Doch aus den Bildern ist ein Licht erklommen,
Als wär’ im nächt’gen Äther glanzerfüllt
Der Stern von Bethlehem empor geschwommen.-
Was rauschte sacht im dunklen Tannenbaum?
War das nicht eines Engels Flügelsaum?
Mein Herz erbebt, dass hell die Zähre tropft:
Der heil’ge Christ hat leise angeklopft.

Helene von Engelhardt 1850 – 1910

1