Im Advent
Im Advent
Karl Heinrich Waggerl (1897-1973)
Für mich begann in der Kindheit der Advent
damit, daß mich die Mutter eines Morgens
weit früher als sonst aus dem Bett holte.
Der Mesner läutete immer schon die
Viertelglocke, wenn ich endlich halb im
Traum zur Kirche stolperte. Nirgends ein
Licht in der bitterkalten Finsternis, und
oft mußte ich mich mit Händen und Füßen
durch den tiefen Schnee wühlen, es war ja
noch kein Mensch vor mir unterwegs gewesen.
In der Sakristei kniete der Mesner vor dem
Ofen und blies in die Glut, damit wenigstens
das Weihwasser im Kessel auftaute. Aber mir
blieb ja keine Zeit, die Finger zu wärmen,
der Pfarrer wartete schon, daß ich in meine
Albe schlöffe und ihm mit der Schelle
voranginge.
Bitterkalt war es auch in der Kirche. Die
Kerzenflammen am Altar standen reglos wie
gefroren, und nur wenn sich die Tür öffnete
und Wind und Schnee hereinfuhren, zuckten
die Lichter erschreckt zusammen. Die
Kirchleute drückten das Tor eilig wieder zu,
sie rumpelten schwerfällig in die Bänke, und
dann klebten sie ihre Adventskerze vor sich
auf das Pult und falteten die Hände um das
wärmende Licht. Indessen schleppte ich das
Meßbuch hin und her und läutete zur
passenden Zeit, und wenn ich einmal länger
zu knien hatte, schlief ich wohl wieder ein.
Dann räusperte der Pfarrer vernehmlich, um
mich aufzuwecken. Ihn allein focht kein
Ungemach an. “Rorate coeli”, betete er laut
und inbrünstig, “tauet Himmel, den
Gerechten”. Und dann war alles wieder
herzbewegend schön und feierlich, der
dämmrige Glanz im Kirchenschiff, der weiße
Atemdampf vor den Mündern der Leute, wenn
sie dem Pfarrer antworteten, und er selbst,
unbeirrbar in der Würde des guten Hirten.
Nachher standen wir zu dritt hinterm Ofen in
der Sakristei. Der Mesner schüttelte die
eiserne Pfanne und hob den Deckel ab und
speiste uns mit gebratenen Kastanien. Ich
hüpfte von einem Fuß auf den andern, und
auch der Pfarrer rollte die heißen Kugeln
eine Weile im Mund hin und her. Es war
vielleicht keine Sünde, wenn ich nebenbei
flink vorausrechnete, wie lange es wohl noch
dauerte, bis er mir zur Weihnacht meinen
Lohn in die Hand drücken würde, einen ganzen
Gulden.
Der österreichische Schriftsteller Karl
Heinrich Waggerl stammt aus Bad Gastein und
wurde zunächst Lehrer. Diesen Beruf musste
er krankheitsbedingt aufgeben, und er wurde
erfolgreicher Schriftsteller. Einfachheit
des Erzählens, gütiger Humor und
Tiefgründigkeit kennzeichnen seine Bücher,
die er auf vielen Lesereisen im
deutschsprachigen Raum vorstellte. Die
Einvernahme seines Werkes durch den
Nationalsozialismus konnte er nicht
verhindern.