Silvesternebel- ein Silvestergedicht

Silvesternebel

Kahlfrost, den mag ich nicht. Es ist mir dann zu nackt draußen, mich friert dabei.
Schnee muß ich haben, soll mir der Winter Freude machen, weicher, weißer, dicker Schnee, der wärmt mir das Herz und macht meine Augen froh. Bei Kahlfrost wintert mir alle Lebenslust aus.

Darum lachte ich damals, als ich nachts aus dem Café kam, in der Nacht vor dem Silvestertag.

Kalt pfiff es über die Georgstraße, und weiß stob es über ihremTrottoire, und als die anderen
Menschen mitmzugekniffenen Lippen eilig heimgingen, damschritt ich langsam über die Straße und
atmete tief.

Früh war ich auf am anderen Morgen. Undfroh. Ich sang, als ich in die Stiefel fuhr.

Das war lange nicht vorgekommen. Und als ichauf die Straße kam, wo der Sturm pfiff und
johlte wie betrunken und weiße Fahnenmschwenkte, da hätte ich gern weitergesungen.

Die Fahrt in der Eisenbahn war wunderschön.

Durch fremde Welten führte sie, durch weißverschleierte Länder. Keine Station war
zu erkennen, jede Dorfsilhouette war verwischt, alles begrub der Sturm im
Winterschnee.

Die Endstation, ich kannte sie kaum wieder.

Brüllend warf der Nordwind den Schnee über die Geleise, wirbelte ihn in Wolken über den
Perron, fegte ihn in wilden Strudeln über die Straße. Eine tolle Freude faßte mich und machte mich frosthart und sturmfest.

Schneewolken warf mir der Sturm nach, als ich im Dorf in die Gaststube trat. Da war es
mir aber zu heiß, das Blut sprang mirkrabbelnd durch die Adern, und schnell rettete ich mich wieder in das weiße
Schneesturmbad.

“Kriegst ja doch nichts!” hatten die Freunde gesagt, die da bei Grog und Karten
eingeschneit waren. Was wissen die denn?

Fuchs und Has, was mir daran liegt heute!

Nicht so viel! Großes such ich nach den Kleinheiten der Stadt, Weites nach ihrer Enge, Hartes nach ihrer Weichlichkeit, Frische nach ihrem erschlaffenden Druck.

Alles das fand ich draußen. Schritt umSchritt mußte ich mit dem Sturm ringen, jeden Tritt dem Schnee abzwingen, manchmal wurde mir schwach zumute, aber am Ende wurde ich Herr über Sturm und Schnee.

Die Stunden flogen dahin wie die Flocken im Sturm. Und mit den Stunden Unruhe und Nervengekribbel. Und wie der Sturm sich brach und über der weißen Weite blaßblaugrauer Abendhimmel stand, da war ich umgeschaffen und neu geboren und wußte nichts von den Sorgen und dem Ärger und den Kämpfen der letzten Zeit, und still wie am Himmel der helle Mond leuchtete in mir ruhige Gleichmütigkeit.

Oben auf der Düne stand ich und sah in die

weiße Feldmark, in der riesengroß, durch die

Maßstabslosigkeit des Geländes unmeßbar

geworden, die Hasen und Rehe sich hin und

her bewegten.

Goldener Gleichmut ging in mir auf. Lächelnd

sah ich auf das, was unter mir war, Angst

und Ärger und Sorgen, einmal fällt doch der

Schnee darüber, und der tollste Sturm, er

hat sein Ziel und sein Ende.

Morgen fängt ein neues Jahr an. Ohne Angst

und ohne Hoffen sehe ich ihm entgegen. Es

wird Mai werden. Dann sind hier alle Birken

grün und alle Böcke rot, die Grauartschen

singen, und der Stechginster blüht. Nachher

kriegt die Heide ihre Rosenfarbe, dann blaßt

sie ab, und wieder fällt Schnee auf alles,

ein Jahr wie das andere.

Auf der anderen Seite der Düne liegt das

Moor. Es ist heute so weit und so weiß.

Sonst ist es eng und braun. Wie ist es nun

in Wirklichkeit? Und wie sind wir? Heute so,

morgen so. Wie das Wetter des Schicksals es

will.

Sonst kenne ich jeden Fußbreit darin, heute

weiß ich nicht ein noch aus. Heute haben wir

im Leben Ziel und Zweck, morgen ist alles

verschneit, und Wege und Stege sind fort.

Das dachte ich so, als ich unter der krummen

Schirmfuhre saß, die über dem alten Abstieg

steht, und vor mich hindämmerte. Bis der

Fuchs mich weckte, der hinten im Stiftsmoor

bellte. Da sah ich auf und sah nichts mehr,

keine Fuhre, keine Birke, keinen Torfhaufen,

weder Torfkuhle noch Moordamm. Der Nebel war

gekommen vom Steinhuder Meer und hatte alles

ausgelöscht, was ich wußte. Schnee lag über

der Vergangenheit und Nebel vor der Zukunft.

Morgen ist Neujahr. Eine Neue liegt auf

seinen Wegen, und Nebel verhüllt die

Aussicht. Rosige Blumen werden neben

schwarzen Torflöchern blühen, goldene Blüten

leuchten über verräterischem Schlamm. Das

große Moor des letzten Jahres habe ich

hinter mir, im neuen kenne ich nicht Weg

noch Steg.

Mir wird zu einsam. An meinen eigenen

Fußstapfen helfe ich mir heraus aus dem

Moor. Andere sind nicht da wie im Leben auch

nicht. Schließlich ist man doch immer

allein, trotz aller Freunde. Das ist

traurig, aber wenn man es eingesehen hat,

auch tröstlich.

Der Nebel ist dick wie eine Wand. Er ist vor

mir und hinter mir und rechts und links und

über mir, und unter mir auch, denn keine

Fußspur, keine Wagentrane weist der Schnee

auf.

Wie ein Blinder gehe ich weiter. Ab und zu

strecke ich die Hand aus, um zu wissen, daß

ich noch sehen kann. Manchmal bohre ich die

Augen in die weiße Dunkelheit, ob da kein

Licht vom Dorfe ist, oder sehe nach oben,

einen Stern erhoffend, oder bleibe stehen

und horche, ob ein Hund kläfft, aber immer

lächle ich müde und stampfe weiter, blind,

taub und stumm.

Längst müßte ich beim Dorfe sein. Da ist es:

die ersten Bäume. Nein, eine Täuschung der

Augen! Aber da, endlich, Fußspuren im

Schnee. Die führen zum Dorf. Denen folge

ich, neuer Hoffnung voll, aber hungrig und

müde.

Wie lange, das weiß ich nicht. So lange, bis

ich einen Schreck bekam. Als ich sie verlor.

Und als ich sie wiederfand nach angstvollem

Hin- und Herlaufen, da war ich so froh. Bis

der nächste Schreck kam. Denn vor mir das

Schwarze, das ich für das äußerste Haus des

Dorfes hielt, die beiden Krüppelfuhren unter

der Düne sind es. Ich bin in die Runde

gegangen.

Mir wird angst und matt. Wie ein Kind im

Dunkeln stehe ich da, als wenn ich weinen

müßte. Aber dann lache ich mich selbst aus.

Verirren kann ich mich ja nicht. Da die

Dünen, links die Straße, rechts das Dorf!

Also kehrt und geradeaus!

Geradeaus im Nebel! Geradeaus ohne festen

Punkt, ohne Weg und Steg! Geradeaus ohne

Stern und Strahl, ohne Halt und Hoffnung.

Pfeif’ dir ein Lied, Menschenskind, du hast

hier deinen Humor nötig! Irrst ins neue Jahr

hinein und weißt nicht, wohin du kommst.

Siehst du, da bist du ja wieder unter der

Düne! Zweimal gingst du im Kreise. Lache

doch, wenn du kannst! Und mach’ kehrt und

marschier’ wieder geradeaus!

Oder hilft dir ein Fluch? Oder ein Kognak,

ein kleiner Rausch? Oder ein bißchen

Nachdenken, kalt und kühl? Nein, mein

Lieber, das hilft dir alles nichts. Glück,

das ist das einzig Wahre. Entweder du fällst

mit der Nase darauf, oder du läufst daran

vorbei und stehst wieder vor der verdammten

Düne, wie jetzt.

Ich habe keine Lust mehr, mich hier

herumzubewegen, das beste ist, ich ruhe mich

hier aus. Ich bin zu müde. Vielleicht, daß

der Nebel weggeht.

Ich setze mich unter die Fuhre und starre in

den Nebel. Bis tausend Fratzen daraus auf

mich zukommen. Fratzen, die allerlei dumme

Gedanken hochmachen.

Läuft man nicht das ganze Leben so im Kreis?

Im dicken Nebel? Hinter halbverwehten

Hoffnungen her, auf unbestimmte Ziele zu,

und hat schließlich doch nichts davon wie

ein weißes Laken?

Die drei Mündungen meiner Waffe grinsen mich an. Wenn ich jetzt an den Abzug rühre, dann bin ich schnell zu Hause. Dann brauche ich nicht erst so weit zu laufen. Soll ich?

Da höre ich etwas. Das erstemal diesen Abend. Hundegebell, da unten! Ich springe auf und gehe darauf zu. Und rufe, so laut ich kann. Der Hund antwortet. Ich laufe, höre das Bellen näher, und jetzt, endlich, ein Licht, ein Haus, die Straße!

Unter dem ersten Fenster sehe ich nach der Uhr. Gleich Mitternacht. Mir wird ganz eigen. Eben noch, da dachte ich voll Abscheu an die Welt und das Leben und die Menschen, und jetzt freue ich mich darauf.

Ich warte noch einige Minuten. Und so, wie die Uhr in der Gaststube den ersten von den zwölf Schlägen tut, da reiße ich die Tür auf und rufe lachend mein Froh Neujahr

1