Gedichte für Weihnachtsansprachen

Oft erleichtert ein Gedicht den Einstieg in eine Weihnachtsrede, kann jedoch auch im Gedicht auflockern oder auch einen schönen Abschluss darstellen.

Der Traum

Ich lag und schlief; da träumte mir
ein wunderschöner Traum:
Es stand auf unserm Tisch vor mir
ein hoher Weihnachtsbaum.

Und bunte Lichter ohne Zahl,
die brannten ringsumher;
die Zweige waren allzumal
von goldnen Äpfeln schwer,

Und Zuckerpuppen hingen dran;
das war mal eine Pracht!
Da gab’s, was ich nur wünschen kann
und was mir Freude macht.

Und als ich nach dem Baume sah
und ganz verwundert stand,
nach einem Apfel griff ich da,
und alles, alles schwand.

Da wacht ich auf aus meinem Traum,
und dunkel war’s um mich.
Du lieber, schöner Weihnachtsbaum,
sag an, wo find ich dich?

Da war es just, als rief er mich:
“Du darfst nur artig sein;
dann steh ich wiederum vor dir;
jetzt aber schlaf nur ein!

Und wenn du folgst und artig bist,
dann ist erfüllt dein Traum,
dann bringet dir der heil’ge Christ
den schönsten Weihnachtsbaum.”

Hoffmann von Fallersleben

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Der Trost der Welt

Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt?
Herberg’ ist dir schon längst bestellt.
Verlangend sieht ein jedes dich
Und öffnet deinem Segen sich.

Geuß Vater ihn gewaltig aus,
Gib Ihn aus deinem Arm heraus.
Nur Unschuld, Lieb’ und süße Scham
Hielt Ihn, dass Er nicht längst schon kam.

Treib Ihn von dir in unsern Arm,
Dass er von deinem Hauch noch warm;
In schweren Wolken sammle Ihn
Und lass Ihn so herniederziehn.

In kühlen Strömen send’ Ihn her,
In Feuerflammen lodre Er,
In Luft und Öl, in Klang und Tau.
Durchdring’ Er unser Erde Bau.

So wird der heil’ge Kampf gekämpft,
So wird der Hölle Grimm gedämpft,
Und ewig blühend geht allhier
Das Paradies herfür.

Die Erde regt sich, grünt und lebt,
Des Geistes voll ein jeder strebt,
Den Heiland lieblich zu empfahn,
Und beut die volle Brust Ihm an.

Der Winter weicht, ein neues Jahr
Steht an der Krippe Hochaltar:
Es ist das erste Jahr der Welt,
Die sich das Kind erst selbst bestellt.

Die Augen sehn den Heiland wohl,
Und doch sind sie des Heilands voll,
Von Blumen ward sein Haupt geschmückt,
Daraus Er selbst holdselig blickt.

Er ist der Stern, Er ist die Sonn’,
Er ist des ew’gen Lebens Bronn,
Aus Kraut und Stein und Meer und Licht
Schimmert sein kindlich Angesicht.

In allen Dingen sein kindlich Tun,
Seine heiße Lieb’ wird nimmer ruhn,
Er schmiegt sich, seiner unbewusst,
Unendlich fest an jede Brust.

Ein Gott für und, ein Kind für sich,
Liebt Er uns all, herzinniglich,
Wird unser Speis’ und unser Trank,
Treusinn ist Ihm der liebste Dank.

Das Elend wächst je mehr und mehr,
Ein düstrer Gram bedrückt und sehr:
Lass, Vater, den Geliebten gehen,
Mit uns wirst du Ihn wiedersehn.

Novalis

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