Das Tannenbäumchen

Das Tannenbäumchen

Du dort in der Waldeskluft
Dunkelgrün mit harz’gem Duft,
Sprich, was willst du einst auf Erden,
Schmuckes Tannebäumchen ! werden?

Willst du stehn am Weg als Bank?
Sagt der Wandrer: Schönen Dank!
“Hat er erst bequem gesessen,
Wird er Rast und Dank vergessen.”

Willst du First sein auf dem Dach?
“Sturm und Blitze drohn ihm Schmach.”
Willst du sein ein Schiff im Meere?
“Fürchte mich vor Riff und Schere.”

Willst du sein die Totentruh’,
Wo da waltet tiefe Ruh?
“Möchte fast danach mich sehnen,
Fielen drauf nicht bittre Tränen.”

Werde nur erst stark und groß,
Findet sich von selbst dein Los.
“Zu erfreun, gleich hingegeben,
Hätt’ ich gern mein junges Leben.”

Dacht’ ich’s doch; vom neuen Haus
Willst du wehn als Meisterstrauß.
“Ach! Der muss nach wen’gen Tagen
Seinem lust’gen Thron entsagen.”

Ei, was willst du sonst denn sein?
Bist zu allem noch zu klein.
“Wer beglücken kann, der eile;
Kurzes Leben lässt nicht Weile.”

“Borge meinen Reisern hold
Nüss’ und Äpflein, blank von Gold,
Zwischen meinem ernsten Dunkel
Weck’ ein fröhlich Lichtgefunkel.”

“Und zur heil’gen Weihnachts stell’
Heimlich mich ins Stübchen hell;
In der Kinder lieb Gewimmel
Bring’ ich dann – den ganzen Himmel.”

Karl Gottfried Ritter von Leitner 1800 – 1890

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