Lustige Weihnachtsgedichte

Der letzte Weihnachtsbaum

Jetzt lösch’ ich den jährlichen Weihnachtsbaum
Auf immer und ewig aus!
Der Herzen erfreuende Kindertraum
Brennt nie mehr in unserem Haus.

Schon holt’ ich der Mutter ein Fichtenreis
Und schmückt’ es dem Wiegenkind!
Sie wiegte davor ihr Söhnchen leis,
Sah fast an den Kerzen sich blind.

Im Himmel wer sagt, auf Erden wer weiß:
Was wir da gemeint und gedacht!
Wir schlossen uns stumm in die Arme so heiß
Und weinten vor heiliger Macht.

Denn “Vater und Mutter” das waren nun wir!
Und das Kind vom Himmel war da!
Hell über uns war zu unserer Zier
Uns der Stern, der leuchtende, nah!

Dann traten, mehr Jahre, mehr Kinder heran,
Und freuten die Nacht sich nicht aus -
Das war das ewige Leben! Kein Wahn,
In Segen stand da das Haus!

Jetzt – ist die Mutter gestorben und hin!
Die Kinder sind alle nun groß.
Nun steh’ ich einsam mit brütendem Sinn -
Fort, Baum . . . in der Götter Schoß!

Jetzt lösch’ ich den letzten Weihnachtsbaum
Auf immer und ewig aus!
Aus ist der tote, verlebte Traum
Und finster bleibt mir das Haus.

Leopold Schefer 1784 – 1862

Der schönste Baum

Sag’ an, wie heißt der schönste Baum
Auf diesem Erdenrund,
Seit einst im Paradiesesraum
Der Baum des Lebens stund?

Die Palme grüßt im Morgenland
Des Pilgers Aug’ entzückt,
Wenn ragend er im Wüstensand
Ihr hohes Haupt erblickt.

Schön ruht sich’s an der Eiche Fuß,
Wenn durch den grünen Wald
Der Jägerschar des Waldhorns Gruß
Zum muntern Mahle schallt.

Die Linde glüht im Abendglanz,
Umweht von Blütenduft,
Wenn durch das Dorf zum Erntetanz
Des Spielmanns Fiedel ruft.

Doch schöner glänzt im Kerzenschein
Der Tannenbaum, fürwahr!
Wenn nur der Vater ruft “Herein!”
Der frohen Kinderschar.

Wenn dann ins lichte Heiligtum,
Geblendet und entzückt,
Vor Freude bang, vor Staunen stumm,
Das Kindervolk sich drückt;

Wenn wonnevoll der Eltern Blick
Sich auf die Kleinen senkt
Und an der eignen Kindheit Glück
Mit süßer Wehmut denkt:

Da blüht in finstrer Winternacht,
Umstarrt von Schnee und Eis,
Ein Frühling auf in bunter Pracht
Am dunklen Tannenreis.

Da bringt der schlichte Tannenbaum
Des Paradieses Glück,
Der ersten Unschuld Kindheitstraum
Der armen Welt zurück.

Und draußen blickt der Sterne Schar
Mir wunderholdem Schein
Wie Engelsaugen mild und klar
Vom Himmel hoch herein.

Und aus der Himmel Himmel sieht’s
Herab mit Vaterblick,
Und durch die dunkeln Lüfte zieht’s
Wie himmlische Musik.

Also hat Gott die Welt geliebt,
Dass er aus freiem Trieb
Und seinen Sohn zum Heiland gibt;
Wie hat uns Gott so lieb!”

Karl Gerok 1839 – 1911