Brief an Gottfried Keller von Theodor Storm, Weihnachten mit Theodor Storm

Brief an Gottfried Keller von Theodor Storm

(1817-1888)

Hademarschen, 22. Dezember 1882

Da bin ich, lieber Freund, um Ihnen, so gut

es durch so viel Ferne geschehen kann, zu

dem mir ewig jungen Kindheitsfest die Hand

zu schütteln. Unten spielt meine Jüngste

allerlei süße Melodien, und im ganzen Hause

weihnachtet es sehr. Zwei Tage lang nichts

als Kisten gepackt und Pakete gemacht und

Weihnachtsbriefe an alt und jung in alle

Welt gesendet; ich habe diesmal nur meine

zwei Jüngsten, die Gertrud und Dodo, zu

Hause, und morgen kommt aus Varel noch mein

Musikus, das heißt Musiklehrer. Aber die

breitästige zwölf Fuß hohe Tanne steht schon

im großen Zimmer, an den letzten Abenden ist

fleißige Hausarbeit gehalten: der goldene

Märchenzweig, dito die Traubenbüschel des

Erlensamens und große Fichtenzapfen, an

denen diesmal lebensgroße Kreuzschnäbel von

Papiermaché sich anklammern werden, während

zwei desgleichen Rotkehlchen neben ihrem

Nest mit Eiern im Tannengrün sitzen, feine

weiße Netze, deren Inhalt sorgsam in Gold

und andere nach Lichtfarben gewählte Papiere

gewickelt ist, alles liegt parat, und morgen

helfe ich den Baum schmücken.

Wenn dann aber am Weihnachtsbaum die Lichter

brennen und die Kinder ihr Weihnachtslied

anstimmen, dann überfällt’s mich doch: Wo

sind sie alle, die sich einst mit dir

gefreut? – Antwort: Wo auch ich bald sein

werde. – Und das Geschick deiner Lieben? -

Ein ewiges Dunkel für dich. Lieber Freund,

ich werde sentimental, und das schickt sich

nicht für alte Leute. Also will ich Ihnen

lieber erzählen, daß ich mir C. F. Meyers

Gedichte und, um ihn nach Gebühr zu ehren,

auch seinen Jürg Jenatsch zu Weihnachten

geschenkt habe. Letzteren habe ich noch

nicht, in ersterem aber schon manches und

mit rechter Freude gelesen, auch wiederholt

schon vorgelesen, wozu sich die Sachen, wie

Sie schon schreiben, teilweise besonders

eignen. Mich freut der Besitz dieses Buches,

man hat doch wieder etwas in der Hand, was

bei einer Gedichtsammlung lange nicht mehr

der Fall gewesen ist.

Doch genug für heute. Die Meinen grüßen Sie

mit mir. Möge auch über Sie die

Märchenstille dieses Festes kommen …
Ich grüße Sie herzlich,

Ihr Th. Storm

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