Maria und das Milchmädchen

Maria und das Milchmädchen

Maria kam auf ihrer Flucht
Gen Mittag in ein ödes Tal.
Da war kein Baum mit Laub und Frucht,
Der Rasen dürr, der Felsen kahl,
Und sengend fiel der Mittagsstrahl.
Es schmachten Kind und Mutter sehr,
sie schaut nach einem Quell umher,
Jedoch umsonst, kein Quell und Tau
Tränkt dieses Tal, so nackt und rau.
Das schmerzt die Frau der Lieb’ und Huld,
Das Knäblein trägt es mit Geduld.

Jetzt kommt ein Mägdlein wohlgemut
Mit Milch daher, ein junges Blut,
Zwar gelb und hässlich von Gesicht,
Doch klingt gar lieblich, was es spricht.
Es grüßt die Mutter mit dem Kind,
Es nimmt herab den Topf geschwind
Und bietet ihn der Jungfrau an
Und freut sich, dass es geben kann.

Es sagt zur Mutter: “Dreimal Glück
Dir und dem Kind! Ich trüg’ es gern
Nur einen kleinen Augenblick,
So schön ist nicht der Morgenstern.”
Die Mutter legt von ihrer Brust
Den Knabe in des Mägdleins Arm,
Die Maid herzt ihn mit frommer Lust,
Sie küsst sein Mündlein, rot und warm,
Und wünscht der Mutter nochmals Glück
Und geht und schaut noch oft zurück.

Und als sie kommt mit frohem Sinn
Zu ihrer Hütte, still und klein,
Da tritt sie an den Brunnen hin
Und wäscht vom Staub das Antlitz rein.
Jedoch ein fremdes schönes Bild
Strahlt aus dem Wasser klar und mild.
Sie teilt das Wasser mit der Hand,
Das Bild kommt wieder, wie’s verschwand,
Sie lacht es an, es lacht sie an,
Sie ist es selbst, es ist kein Wahn.
Vom Kuss des Knäbleins kam alsbald
Ihr diese himmlische Gestalt.
Doch quillt ihr in dem Busen auch
Ein Sehnen wie beim Frühlingshauch,
Und alles ist ihr fremd, als wär’
Die Erde nicht ihr’ Heimat mehr!

Alois Schreiber 1761 – 1841

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