Weihnachtsgeschichte

Der Zaunkönig und seine Königin

Zu Bethlehem der Wächter rief zu aller Kunde
Nach Mitternacht die dritte Stunde -
Da stand am Hinterhause des Ezechia
Der Engel und besah
Mit seinem himmlischen Gefährten
Den Ort, wo Gottes Sohn auf Erden
In Knechtsgestalt erscheinen sollte. -
“O, dürft ich, ” seufzte Gabriel, “ich wollte
Dem Höchsten eine Wiege bauen!
Als Opfer flössen schnell von allen Enden,
Aus allen Gauen
Zum heiligen Werk die reichsten Spenden.
Die Berge spendeten ihr reinstes Gold,
Der Wurm aus weiter Ferne
Die Seide zu dem Decklein gerne,
Die Tiefe, was die Purpurschnecke zollt,
Der Schwan aus seiner weißen Hülle
Der weichsten Daunen reiche Fülle.
Den Wiegenkorb hängt’ ich an Reben,
So frei von Ulm’ zu Ulme schweben,
Und Lüfte, die auf Blüt’ und Blumen liegen,
Geböt’ ich, aufzustehen und das Kind zu wiegen.”

Unweit von Gabriel, der also sprach,
Hing, gut geflochten mit dem Stroh am Dach,
Ein rundes Nest, und drin
Saß König Zaun und seine Königin.
Die stieß den schlafenden Gemahl
Erschrecklich in die Seite
Und sprach: “Zaun, hör’ einmal,
Was unter uns die fremden Leute
Von wunderlichen Dingen sagen!”
Sie horchten nun, der König und die Königin,
Und hörten, dass in wenigen Tagen,
Nach Gottes Sinn,
Der Herr des Himmels und der Erden
Sollt’ unter ihrem Dach geboren werden!
Als drauf die Engel weiter waren,
Sprach seine Frau zu König Zaun,
Der seine Augen wieder schließen wollte: “Traun,
Nach dem, was wir erfahren,
Ist nun zum Schlafen nicht mehr Zeit. -
Ei ja, der Engel sprach wohl lang und breit
Von Stall und Krippelein und jammerte dabei;
Doch was darin zu richten sei,
Vergaß der Kluge nachzusehn,
Als wird’ es schon von selbst geschehn.
Komm, Guter, komm, lass uns nicht säumen,
Im Stalle etwas aufzuräumen.”
So sprach die Königin zu ihrem Herrn,
Und obgleich König Zaun sonst länger schlief,
So folgte er doch seinem Weibe gern,
Das ihn zu dieser Arbeit rief.
Ach Gott, das ist ein Stall!
An allen Enden, welch ein Graus!
Wer zählt das Ungeziefer all!
Im Winkel sitzt die Fledermaus,
Die Spinne an den Netzen flickt,
Die Wespe an dem holze zwickt,
Der Tausendfuß im Moder kriecht,
Der Skorpion im Staube liegt,
Und von der Decke Staubpaniere hangen.

Das Paar vom Zaun lässt sich vor diesem Graus
Nicht bangen.
Es jaget fort die Fledermaus,
Es spießt die Spinne, die am Neste flickt,
Es schlägt die Wespe, die am Holze zwickt,
Es fällt den Tausendfuß, so in dem Moder kriecht,
Es würgt den Skorpion, der in dem Staube liegt.
Der Königin so wohlgemut,
Sind ihre Flügel nicht zu gut:
Sie kehret an den Wänden auf und ab,
Sie flattert an der Decke hin und her,
Und Staub und Staub fällt wolkendicht und schwer
So links und rechts herab.
Indes die Wand und Decke fegt,
Heißt sie den König lugen,
Ob wohl das Krippelein in seinen Fugen
Kein Ungeziefer hegt.
“Denn”, sagte sie, “es wär’ uns Sünde,
So Spinne oder Käferlein dem Kinde,
Wenn’s in der Krippe schliefe,
Zum Schrecken übers Antlitz liefe.
Ei Schande, wenn es aufschlüg’ seine Äugelein
Und fiel ihm Staub und Wust hinein!”
Indes so die vom Zaun sehr fleißig waren,
Kam Gabriel herab gefahren
Und sprach zum König und der Königin:
“Gott hat gesehn, was ihr mit gutem Sinn
Für seinen Sohn getan,
Und sieht’s so hoch in gnaden an,
Dass ihr den Lohn selbst wählen sollt.”
“Wir brauchen”, sprach der König, “weder Ehr’ noch

Gold,
Wir haben unser täglich Brot,
Und sonst tut uns nichts not.
Doch will der Herr uns Gnaden schenken
Und des geringsten Diensts gedenken,
So lass’ er mir, wenn allemal das andere Gefieder
Im Herbst verstummet, meine Lieder,
Auf dass ich immerdar nach meiner Weise
Von nun an meinen Schöpfer preise.”

Seitdem singt König Zaun am Weihnachtsfest,
Wann Gott die andern Vögel schweigen lässt,
Im Namen der beschwingten Brüder
Dem Sohne Gottes seine Lieder.

Karl Stöber 1796 – 1865

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